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Dörte Hansen - Mittagsstunde
Dörte Hansen: „Mittagsstunde“ (erschienen im Februar 2021)
Dörte Hansen zählt längst zu den bedeutenden Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur, und ihr Erfolg kommt nicht von ungefähr. Mit ihrem Roman „Mittagsstunde“ gelingt es ihr erneut, die Leser in eine Welt eintauchen zu lassen, die sowohl rau als auch von tiefer Menschlichkeit durchzogen ist. Wie schon in ihrem Bestseller „Altes Land“ steht das Leben in den ländlichen Regionen Norddeutschlands im Mittelpunkt, diesmal allerdings spielt die Geschichte an der Waterkant, in einer vom Niedergang gezeichneten Dorfgemeinschaft. Der Roman besticht durch eine ergreifende Schilderung des Verlusts von Traditionen und die einfühlsame Darstellung von Figuren, die zwischen Vergangenheit und Gegenwart gefangen sind.
Im Zentrum der Erzählung steht Ingwer Feddersen, ein 47-jähriger Akademiker, der nach Jahren der Abwesenheit in sein kleines Heimatdorf in der norddeutschen Geest zurückkehrt. Ingwer hat sich ein Leben in der Stadt aufgebaut, als Dozent an der Universität in Kiel, doch seine Wurzeln hat er nie ganz vergessen. Nun zieht es ihn zurück – nicht nur, um sich um seine alternden Großeltern zu kümmern, sondern auch, um eine offene Rechnung mit der Vergangenheit zu begleichen. Seine Rückkehr ist gleichzeitig ein Abschied von einer Welt, die er einst hinter sich gelassen hat, und ein Versuch, das Verlorene vielleicht doch noch zu bewahren.
Besonders beeindruckend ist, wie Hansen es schafft, das Lebensgefühl dieser sterbenden ländlichen Region einzufangen. Das Dorf, in dem Ingwer aufgewachsen ist, hat seinen Zenit längst überschritten. Die Menschen ziehen weg, die alten Traditionen verschwinden, und was bleibt, ist eine melancholische Schwere, die wie die tiefhängenden Wolken über der Geest liegt. Man spürt den Verfall an allen Ecken und Enden: Der einst stolze Dorfkrug, den Ingwers Großvater Sönke immer noch mit sturer Verbissenheit betreibt, ist nur noch ein Schatten seiner früheren Glanzzeiten. Großmutter Ella, einst eine starke Frau, verliert langsam ihren Verstand, während der Großvater das Leben im Dorfkrug beinahe allein aufrechterhält. Doch auch er kann den Niedergang nicht aufhalten.
Hansen gelingt es, die großen gesellschaftlichen Umbrüche, die das ländliche Deutschland in den letzten Jahrzehnten durchgemacht hat, in dieser Dorfgemeinschaft auf berührende Weise zu spiegeln. Die Modernisierung, die in den 1970er Jahren mit der Flurbereinigung begann, hat tiefe Spuren hinterlassen. Die kleinen Bauernhöfe, die das Dorfleben einst prägten, sind verschwunden. Die Vögel, die einst die Hecken bevölkerten, sind verstummt. Das Leben, wie es einmal war, ist verschwunden – und mit ihm ein Teil der Identität der Dorfbewohner.
Trotz der Schwere des Themas ist „Mittagsstunde“ kein rein düsterer Roman. Mit viel Wärme und Feingefühl zeichnet Hansen das Leben ihrer Figuren, ihre Hoffnungen, ihre Fehler und ihre kleinen Siege. Ingwers Rückkehr ins Dorf ist auch eine Reise zu sich selbst. Er muss sich den Entscheidungen seiner Jugend stellen, als er das Dorf verließ und die Verantwortung für den Gasthof den Großeltern überließ. In den stillen Momenten des Romans, in den Begegnungen mit alten Freunden und den Erinnerungen an vergangene Tage, wird deutlich, dass der Abschied von der Vergangenheit nicht nur schmerzlich, sondern auch befreiend sein kann.
„Mittagsstunde“ ist ein eindringliches, poetisches Werk über das Verschwinden einer bäuerlichen Welt, über Verlust, Abschied und die Möglichkeit eines Neubeginns. Dörte Hansen erzählt von einer Zeit des Umbruchs, die vielen ländlichen Regionen Deutschlands tiefgreifende Veränderungen gebracht hat. Doch bei allem Verlust bleibt die Hoffnung, dass das Alte nicht vollständig vergeht, sondern sich in neuer Form fortsetzen kann. Mit großer sprachlicher Eleganz und viel menschlicher Wärme entwirft Hansen eine Erzählung, die nachklingt – lange nachdem man das Buch zur Seite gelegt hat.



