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Erik Fosnes Hansen - Ein Hummerleben

30.05.2024

Erik Fosnes Hansen: „Ein Hummerleben“ – erschienen im August 2019

Für all jene, die Norwegen lieben, ist dieses Buch ein absolutes Muss! Aber auch diejenigen, die bisher wenig Berührung mit der faszinierenden nordischen Kultur und Landschaft hatten, sollten zu diesem Roman greifen – es lohnt sich auf jeden Fall!

„Ein Hummerleben“ entführt die Leser in die 1980er-Jahre, hoch hinauf in die abgeschiedene und zugleich majestätische Fjelllandschaft Norwegens. Im Mittelpunkt der Handlung steht das Schicksal eines traditionsreichen Hotels, das über Generationen hinweg in Familienbesitz war. Das einst mondäne Hotel verliert langsam an Glanz, und dieser schleichende Verfall wird in dem Roman eindrucksvoll geschildert.

Der junge Sedd, die Hauptfigur des Romans, wächst bei seinen Großeltern im Hotel auf. Von seinem Vater weiß er kaum etwas, und seine Mutter gilt als verschollen. In diesem abgeschiedenen Mikrokosmos wird er von den Großeltern liebevoll, aber mit fester Hand auf seine zukünftige Rolle als Erbe des Hotels vorbereitet. Sein Großvater, der neben seiner Arbeit im Hotel auch als Tierpräparator tätig ist, und seine Großmutter, die ursprünglich aus Wien stammt, prägen Sedd in vielerlei Hinsicht. Sie vermitteln ihm die Werte und Prinzipien, die für den Fortbestand des Hotels von großer Bedeutung sind – besonders der Leitsatz: „Jeder einzelne Gast zählt“, den er schon in jungen Jahren verinnerlicht.

Sedd wächst in dieser ungewöhnlichen Umgebung heran und übernimmt nach und nach immer mehr Aufgaben im Hotel. Er hilft als Laufbursche, Küchenjunge und Tourenbetreuer und lernt so die täglichen Herausforderungen des Hotelbetriebs kennen. Sein Rückzugsort ist die Großküche des Hotels, die von dem ehemaligen Seefahrer Jim geleitet wird. Jim ist nicht nur für die kulinarischen Angelegenheiten zuständig, sondern übernimmt auch eine besondere Rolle im Leben des Jungen. Für Sedd ist er in gewisser Weise Vaterfigur, Freund und Mutterersatz zugleich, besonders dann, wenn die Großeltern keine Zeit für ihn haben.

Doch so idyllisch die Situation auf den ersten Blick scheinen mag, zeigen sich mit der Zeit immer tiefere Risse. Spätestens als der Bankdirektor Berge während eines Essens im Hotel plötzlich stirbt, wird deutlich, dass unter der Oberfläche viele ungelöste Konflikte und Geheimnisse lauern. Der vermeintliche Glanz des Hotels beginnt zu bröckeln, und auch in Sedds Welt tun sich Abgründe auf.

Erik Fosnes Hansen gelingt es in „Ein Hummerleben“ meisterhaft, den langsamen, aber unausweichlichen Niedergang eines traditionsreichen Familienbetriebs in der atemberaubenden Kulisse der norwegischen Berge zu schildern. Gleichzeitig erzählt er eine feinfühlige Geschichte über das Erwachsenwerden, die Auseinandersetzung mit Erwartungen und Enttäuschungen sowie über die komplexen Beziehungen innerhalb einer Familie.

Die Themen, die der Roman aufgreift – Lügen und Geheimnisse, falsche Hoffnungen, das Erbe vergangener Generationen und die bedingungslose Liebe der Großeltern – sind universell und berühren tief. Hansen beschreibt nicht nur den äußeren Zerfall des Hotels, sondern auch die inneren Konflikte und Kämpfe, die Sedd und die Menschen in seinem Umfeld durchleben. Das Buch zeigt auf, wie schwierig es sein kann, den Ansprüchen anderer gerecht zu werden und wie zerbrechlich vermeintliche Sicherheiten sind.

„Ein Hummerleben“ ist nicht nur ein Roman über ein Hotel, sondern eine tiefgründige Erzählung über menschliche Schicksale, Verluste und die Suche nach einem Platz in der Welt. Die wunderschöne Landschaft Norwegens bildet dabei den perfekten Hintergrund für diese bittersüße und bewegende Geschichte.

 
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