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Ewald Arenz - Alte Sorten
Ewald Arenz' Roman „Alte Sorten“, erschienen im Juli 2020, erzählt eine feinfühlige und berührende Geschichte über die außergewöhnliche Begegnung und wachsende Freundschaft zwischen zwei Frauen, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten: Sally und Liss. Die beiden Protagonistinnen stammen aus verschiedenen Lebenswelten, und doch finden sie trotz ihrer Gegensätze zueinander und formen eine Verbindung, die ihre innersten Wunden heilt.
Sally, eine junge Frau kurz vor dem Abitur, hat die Gesellschaft satt. Sie ist ein rebellischer Charakter, der sich von den Erwartungen und Vorschriften der Erwachsenenwelt distanziert. Regeln, Angebote und insbesondere die Fragen anderer Menschen empfindet sie als Belastung. Besonders das ständige Hinterfragen ihres äußeren Erscheinungsbildes lässt Sally innerlich aufwallen – sie will einfach nur in Ruhe gelassen werden. Der Leser spürt von Beginn an ihre Wut und innere Zerrissenheit, die sie in einem Schwebezustand zwischen kindlicher Rebellion und erwachsener Verantwortung hält.
Im Gegensatz dazu steht Liss, eine ruhige und in sich gekehrte Frau mittleren Alters. Sie lebt abgeschieden auf einem Bauernhof und scheint ihre Arbeit dort mühelos zu bewältigen. Die körperliche Arbeit, die sie auf dem Hof verrichtet – das Auszeichnen von Bäumen, das Ernten der Früchte, das Bestellen der Felder – gibt ihr eine fast schon stoische Ruhe. Doch hinter dieser äußeren Stärke verbirgt sich eine Tiefe, die Sally nach und nach zu ergründen beginnt. Liss ist anders als alle Erwachsenen, die Sally bisher kennengelernt hat. Sie urteilt nicht vorschnell, sie stellt keine aufdringlichen Fragen, und sie scheint Sally so zu akzeptieren, wie sie ist. Schon nach ihrem ersten Gespräch empfindet Sally eine unbestimmte, aber starke Verbindung zu Liss. Sie spürt, dass Liss anders ist, dass hinter ihrer stillen Fassade ein Geheimnis schlummert, das Sally neugierig macht.
Als Liss ihr anbietet, auf dem Hof zu übernachten, ahnt Sally noch nicht, dass aus einer einzigen Nacht mehrere Wochen werden. Die Zeit, die die beiden Frauen miteinander verbringen, bringt sie einander immer näher. Stück für Stück öffnet sich die zurückhaltende Liss, während auch Sally beginnt, ihre Mauern einzureißen. Gemeinsam ernten sie Kartoffeln und pflegen die alten Birnensorten, die Liss mit großer Sorgfalt beschreibt und deren Geschmack Sally fasziniert. Diese Momente des gemeinsamen Arbeitens, die Ruhe und die natürliche Umgebung des Hofes, ermöglichen es den beiden Frauen, ihre schmerzlichen Erinnerungen und die Verletzungen, die ihnen das Leben zugefügt hat, zu verarbeiten.
Ewald Arenz gelingt es, in „Alte Sorten“ eine Geschichte über Heilung und Selbstfindung zu erzählen, ohne dabei in Klischees zu verfallen. Die Freundschaft zwischen Sally und Liss ist keine, die sich auf den ersten Blick aufdrängt, sondern eine, die behutsam wächst. Es ist eine stille, aber kraftvolle Verbindung, die beide Frauen durch ihre eigene Geschichte und ihre Erfahrungen miteinander teilen. Im Mittelpunkt steht dabei nicht nur die Freundschaft selbst, sondern auch die Natur, die durch Arenz' poetische Sprache fast zu einem weiteren Charakter wird. Die detaillierten Beschreibungen der Landschaft, der Pflanzen und der Arbeit auf dem Hof unterstreichen die Ruhe und den langsamen Heilungsprozess, den die beiden Frauen durchlaufen.
„Alte Sorten“ ist nicht nur eine Geschichte über die Freundschaft zweier ungleicher Frauen, sondern auch ein leises, aber tief bewegendes Buch über den Umgang mit den eigenen Verletzungen, über das Loslassen und das Neuentdecken von Lebensfreude. Die Authentizität der Figuren, ihre Verletzlichkeit und ihre stille Stärke machen diesen Roman zu einem eindrucksvollen Leseerlebnis, das lange nachhallt.



