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Mein Bücherblog

The Buddha in the Attic

05.05.2019

Der Roman ist eine echte Entdeckung. Der Klappentext verschafft einen guten ersten Eindruck : "Auf dem Schiff waren die meisten von uns Jungfrauen." So beginnt die berührende Geschichte einer Gruppe junger Frauen, die Anfang des 20.Jahrhunderts als Picture Brides von Japan nach Kalifornien reisen, um japanische Einwanderer zu heiraten. Bis zu ihrer Ankunft kennen die Frauen ihre zukünftigen Männer nur von den strahlenden Fotos der Heiratsvermittler, und auch sonst haben sie äußerst vage Vorstellungen von Amerika, was auf der Schiffsüberfahrt zu wilden Spekulationen führt: Sind die Amerikaner wirklich behaart wie Tiere und zwei Köpfe größer? Was passiert in der Hochzeitsnacht? Wartet jenseits des Ozeans die große Liebe? Aus ungewöhnlicher, eindringlicher Wir-Perspektive schildert der Roman die unterschiedlichen Schicksale der Frauen: wie sie in San Fransisco ankommen (und in vielen Fällen die Männer von den Fotos nicht wiedererkennen), wie sie ihre ersten Nächte als junge Ehefrauen erleben, Knochenarbeit leisten auf den Feldern oder in den Haushalten weißer Frauen (und von deren Ehemännern verführt werden), wie sie mit der fremden Sprache und Kultur ringen, Kinder zur Welt bringen (die später ihre Herkunft verleugnen) - und wie sie nach Pearl Harbor erneut zu Außenseitern werden. 

Julie Otsukas Buch polarisiert ganz sicher. Die Form ist mehr als aussergewöhnlich. Es gibt weder den, noch die Erzähler. Stets wird im Chor gesprochen. Nie existiert ein einzelner Charakter. Für manche mag dieser sehr ungewohnte und absonderliche Schreibstil abstossend wirken.

Mich jedoch gemahnt er an die Griechische Tragödie und gerade dieser Stil schlug mich vom ersten Satz an in seinen Bann. Gleich Euripides Troerinnen wird die Handlungen von einem stetig präsenten Chor der Stimmen vorangetrieben. Und genau dieser Chor der sich in Einzelschicksale auflöst macht den Roman für mich zu einem Meisterwerk.

Es ist nicht (nur) die so selten erzählte und herzzerreissende Geschichte der japanischen Bräute, es ist dieses karge chorale Proklamiern der Not, der Verzweiflung und des Schicksals.

Leselprobe : "Auf  dem  Schiff  waren  die  meisten  von  uns  Jungfrauen.  Wir hatten langes schwarzes Haar und fl ache, breite Füße,  und  wir  waren  nicht  sehr  groß.  Einige  von  uns  hat-ten als junge Mädchen nichts als Reisbrei gegessen und hat-ten  leicht  krumme  Beine,  und  einige  von  uns  waren  erst  vier zehn  Jahre  alt  und  selbst  noch  junge  Mädchen.  Einige  von  uns  kamen  aus  der  Stadt  und  trugen  modische  Stadt-kleider,  doch  überwiegend  kamen  wir  vom  Land,  und  auf  dem Schiff trugen wir dieselben alten Kimonos, die wir seit Jahren getragen hatten – zerschlissene Kleider von unseren Schwestern, die vielfach gefl ickt und gefärbt worden waren. Einige von uns kamen aus den Bergen und hatten noch nie das  Meer  gesehen,  außer  auf  Bildern,  und  einige  von  uns  waren Fischerstöchter, die ihr ganzes Leben in Meeresnähe verbracht  hatten.  Vielleicht  hatten  wir  einen  Bruder  oder  Vater ans Meer verloren, oder einen Verlobten; oder jemand, den wir liebten, war eines unglücklichen Morgens ins Meer gesprungen und einfach fortgeschwommen, und nun war es auch für uns an der Zeit, aufzubrechen."

Der Roman ist kurz, die Geschichte schnell erzählt. Der Nachhall aber ist gewaltig.

Für Menschen die auch Traurigkeit ohne Erlösung in einem Roman aushalten können und wollen, für Menschen die eine wahre Geschichte ertragen die so (aus meiner Sicht) noch nie erzählt wurde, ist "Wovon Wir Träumten" eine absolute Leseempfehlung.

Julie Otsuka "Wovon wir Träumten" Goldmann

 

 
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