Thomas Hettches Roman „Herzfaden“, der im März 2022 erschienen ist, lädt zu einer poetischen und nostalgischen Reise in die magische Welt der Augsburger Puppenkiste ein. Es ist eine Geschichte, die auf mehreren Ebenen verzaubert und tief berührt. Mit viel Fantasie und einem liebevollen Blick auf die Vergangenheit verbindet Hettche in seinem Werk historische Realität mit märchenhafter Erzählkunst und schafft so eine eindrucksvolle Hommage an eines der bekanntesten Puppentheater Deutschlands.
Im Mittelpunkt des Romans steht ein zwölfjähriges Mädchen, das nach einer Vorstellung der Augsburger Puppenkiste auf eine geheimnisvolle Tür stößt, die sie auf einen zauberhaften Dachboden führt. Dieser Dachboden entpuppt sich als ein wahrer Schatz an Geschichten und Erinnerungen. Hier begegnet sie nicht nur den berühmten Figuren der Puppenkiste – der Prinzessin Li Si, dem charmanten Kater Mikesch und Lukas, dem Lokomotivführer –, sondern auch der Frau, die all diese Marionetten einst geschnitzt hat. Diese Frau beginnt, dem Mädchen ihre bewegende Geschichte zu erzählen. Es ist die Geschichte der Entstehung der Augsburger Puppenkiste, die eng mit den Schicksalen einer Familie und der dunklen Zeit des Zweiten Weltkriegs verbunden ist.
Der Roman setzt ein in den Kriegsjahren, als Walter Oehmichen, ein Schauspieler des Augsburger Stadttheaters, in Kriegsgefangenschaft gerät und dort einen Puppenschnitzer kennenlernt. Inspiriert von dieser Begegnung und getragen von dem Wunsch, inmitten der Wirren des Krieges einen Ort der Fantasie und der Freude zu schaffen, beschließt Walter, für seine eigene Familie ein Marionettentheater zu bauen. Doch das Schicksal meint es zunächst nicht gut mit ihm: In der verheerenden Bombennacht im Jahr 1944 wird das Theater zerstört und liegt in Schutt und Asche.
Doch Hettches Roman erzählt nicht nur von Verlust, Zerstörung und den Schrecken des Krieges, sondern auch von der unerschütterlichen Kraft der Fantasie und der Hoffnung. Nach dem Krieg fasst Walters Tochter Hatü den Entschluss, das Theater wieder aufzubauen. Mit viel Hingabe und Kreativität schenkt sie den Marionetten neues Leben. Dabei sind es vor allem Figuren wie das Urmel, das verwaiste Wesen aus der Eiszeit, und der tapfere Kalle Wirsch, die für viele Generationen von Kindern zu treuen Begleitern in ihrer Fantasie werden.
Was „Herzfaden“ so besonders macht, ist die Art und Weise, wie Hettche die reale Geschichte der Augsburger Puppenkiste mit der märchenhaften Welt der Marionetten verwebt. Der Roman erzählt nicht nur von den Menschen, die dieses Theater gegründet und geprägt haben, sondern auch von den Figuren, die auf der Bühne zum Leben erwachen. Es ist, als würden die Fäden der Marionetten auch die Fäden der Erzählung führen, und so entsteht ein vielschichtiges Geflecht aus Realität und Fantasie.
Die Augsburger Puppenkiste selbst ist längst zu einem festen Bestandteil der deutschen Kulturgeschichte geworden. Seit der ersten Ausstrahlung von „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“ in den 1950er Jahren im westdeutschen Fernsehen hat sie Generationen von Kindern begeistert. Für viele sind die liebevoll gestalteten Marionetten und ihre Geschichten eng mit den Erinnerungen an die eigene Kindheit verknüpft. Hettche greift dieses kollektive Gedächtnis auf und zeigt, wie tief die Puppenkiste in der kulturellen DNA des Landes verwurzelt ist.
„Herzfaden“ ist jedoch mehr als nur eine Hommage an die Augsburger Puppenkiste. Es ist auch eine Reflexion über die Bedeutung von Kreativität und Kunst in Zeiten des Umbruchs und der Not. Inmitten der Zerstörung und des Chaos des Krieges schafft Walter Oehmichen einen Ort der Zuflucht, in dem die Fantasie und das Spiel den Schrecken des Alltags überstrahlen. Der Titel des Romans, „Herzfaden“, symbolisiert dabei den unsichtbaren Faden, der das Herz der Puppenspieler mit den Marionetten und dem Publikum verbindet – ein Faden, der selbst in den dunkelsten Zeiten nicht zerreißt.
Hettches Sprache ist zugleich poetisch und klar, voller Wärme und Tiefe. Mit feinem Gespür für Details schildert er die Entstehung und den Wiederaufbau der Puppenkiste und lässt dabei die Magie des Theaters lebendig werden. Man spürt beim Lesen die Leidenschaft und Hingabe, die hinter jedem geschnitzten Holzstück, hinter jedem Faden und jeder Bewegung der Puppen steckt.
Zusammengefasst ist „Herzfaden“ eine wunderbar erzählte Geschichte über die Kraft der Fantasie, den Zusammenhalt einer Familie und die Bedeutung von Kunst in schwierigen Zeiten. Sie lädt dazu ein, in die faszinierende Welt der Augsburger Puppenkiste einzutauchen und sich von der Magie der Marionetten und den Geschichten, die sie erzählen, verzaubern zu lassen. Thomas Hettche ist mit diesem Roman ein Werk gelungen, das Leser aller Altersgruppen anspricht und sie auf eine Reise voller Nostalgie, Hoffnung und Herz begleitet.